"Sie waren sich so nah und verstanden sich so gut, dass er nur wenig von seinen unterschwelligen Überzeugungskünsten einsetzen musste, um zum Zuge zu kommen … schon bald. Sie schien das perfekte Opfer zu sein, hatte sie sich ihm doch von selbst genähert und versichert, dass sie keinerlei Ansprüche stellen würde – hätte ihn das stutzig machen sollen?

Flammen schlagen aus seiner Haut. In dem Augenblick, bevor er glaubt, das Bewusstsein zu verlieren, fragt er sich, wie er eigentlich auf die absurde Idee gekommen ist, bei Tageslicht aus dem Haus zu gehen. Und als er es begreift, wirft er sich herum, um wieder in den Schatten zu gelangen, doch es ist zu spät. Während ihn jeder Sonnenstrahl einzeln durchdringt und er zu Asche zerfällt und er noch immer bei Bewusstsein ist.

Das Licht der Kerzen flackerte im Separee. Er war so kurz vor seinem Ziel der heutigen Nacht, so kurz davor … da erschienen Bilder in seinem Kopf. Bilder von saftig grünen Wiesen im Sonnenschein, von gleißendem Licht auf schneebedeckten Berghängen, von strahlendem Azur über warmem Asphalt. Und durch die Bilder hindurch drangen die Worte: »Es ist alles nur eine Legende, die Verbannung in die Nacht … Es war alles nur eine Lüge.«
Nachdem Wut und Hass gegen Unbekannt verebbt waren, blieb nur die Hoffnung übrig, die unerträgliche Hoffnung auf einen neuen Tag."

“Geben und Nehmen” von Cornelia Röser