"Und als es nichts mehr für ihn zu tun gab, legte er die Sachen beiseite und sah aus dem Fenster auf die kahlen und leeren herbstlichen Felder. Noch immer lag Nebel über den Wiesen, und die Wälder waren dunkel und feucht vom Regen. Die Zeit verflog, während die großen Städte vorübereilten. Auf den weiten Strecken wurden ihm die Augen schwer, und ohne es zu wollen, sank er in einen Schlummer, durch den das Fahren des Zuges nur wie entferntes Rauschen zu ihm drang. Ihm zeigten sich seltsame Bilder, freudlos wie die Landschaft, durch die er fuhr. Grau wie die Jahreszeit. Sie waren wie seine Stimmung, so, wie er sich tief im Inneren fühlte. Und er blickte in Gesichter, die totenblass waren und ihn leidvoll ansahen. Sie flüsterten ihm warnende Worte zu, die er nicht verstand, die in seinen Ohren nicht mehr als das Raunen und Rauschen des Zuges waren.
Er wusste nicht, wie lange er so dasaß und mit halb offenen Augen träumte. Seine Gedanken schweiften in dieses ihm unglaublich ferne Land. Er fand sich an abgelegenen, unheimlichen Orten, die er in seinem Leben nicht kannte und spürte dabei die Kälte, den Wind und den Regen, der ihm ins Gesicht schlug. Dunkelheit umgab ihn. Wolken zogen am finstren Himmel, und er war umgeben von den Lauten der Nacht. Von fern eilten sie heran, überflogen verfallene Mauern, brachen sich an jahrhundertealten Gebäuden und ließen ihn erschaudern, sodass er sich angstvoll umsah und wünschte, er könnte sich in seiner Verzweiflung zu einem sicheren Ort hinflüchten. Aber da war nichts, wohin er sich wenden konnte. Keine Tür, kein Fenster, nicht der kleinste Spalt. Sein Herz schlug heftig, und seine Haut war kalt und feucht, als er schließlich erwachte. Er fühlte sich, als wäre er noch nicht zurückgekehrt aus seinem Traum, als wäre er noch immer gefangen in dieser unsagbaren Dunkelheit."

“Blasse Gesichter” von Peter Stohl

"Eine Saite wurde in ihm angeschlagen, die zuletzt in seiner Kindheit geklungen hatte. Der Leitspruch seines Lieblingsritters aus jenen Tagen fiel ihm ein: »Amor omnia vincit, die Liebe überwindet alles«, führte dieser in seinem Banner. Er würde der Ritter sein, der Christine rettete.
Er ging zu den Stallungen und holte die Kutsche. Ohne Verzögerung wollte er in die nächste Stadt fahren, um dort die Bibliothek zu besuchen.
Als er des Abends zurückkehrte, stand sein Plan fest. Er hatte alle Texte zum Thema gesichtet und sich einen Überblick über den Diskussionsstand verschafft. Als lehrreich empfand er im Grundlagenbereich vor allem die Texte des Professors van Helsing, obwohl er dessen Schlussfolgerungen und Handlungsanleitungen für verfehlt hielt und als zu drakonisch ablehnte. Aus ihnen sprach noch der Geist eines anderen Jahrhunderts. Er gab den liberalen Helsing-Kritikern recht und wollte entsprechend ihren Theorieansätzen einen Therapieplan entwickeln. Überdies hatte ihm der Zufall ein Buch aus der Märchenabteilung in die Hände gespielt, dem er die Leitidee seines Planes entnahm: Erzählungen aus tausendundeiner Nacht hieß dieses hilfreiche Werk, in dem am Ende die schönen Worte über die Mordlust des Königs triumphieren: »Als aber der Nächte tausend und eine vorüber waren, da war Scharirar ein anderer geworden. Und alsbald verbreitete sich die Freude im Schlosse des Königs, und sie strömte auch durch die ganze Stadt. Jene Nacht zählte zum irdischen Leben nicht, und ihre Farbe war weißer als des Tages helles Angesicht.« Ein solches Ende wünschte er für sich und Christine.
Und so machte er sich gleich ans Werk, um seinen Therapieplan zu verwirklichen."

“Amor omnia vincit. Oder: Über allem die Liebe” von Jochen Stüsser-Simpson

"Zum ersten Mal sprach ich in Gedanken zu jemandem, der wusste, dass die Worte nicht seinem, sondern meinem Kopf entsprangen: ›Wer bist du?‹
Zufrieden stellte er fest, dass ich mein Spielchen aufgegeben hatte und langsam begriff, dass er nicht unbemerkt beobachtet werden konnte, dass er mich vermutlich schon entdeckt hatte, noch bevor ich ihn gesehen hatte. Er zündete seine Pfeife an und nahm einen langen Zug, der sanft prasselnd und zischend eine tiefe Glut entfachte.
Er ließ zu, dass ich den warmen Qualm langsam seine Lungen hinabkriechen spürte, und dann, wie er ihn befriedigt wieder hinausblies.
Er ließ mich nur das von ihm erfahren, was er auch preisgeben wollte. Mehr nicht.
Und ich ahnte, dass er selbst genügend Macht hatte, über mich zu erfahren, was er wissen wollte, mich zu durchleuchten wie Glas.
Dass ich ihm nichts verbergen konnte.
Aber es lag ihm nichts daran – wie er von mir Zurückhaltung verlangte, wollte auch er sich nicht gewaltsam Zutritt verschaffen. Das gab mir der weiche Rauch, der ihn umwalkte, seine ganze Aura, deutlich zu verstehen.
›Wie gesagt … wer ich bin, das geht dich nichts an.‹
Aber zwischen den Rauchschwaden konnte ich ein angedeutetes Lächeln erkennen, das besagte, ich würde es wohl zumindest ungefähr bereits wissen."

“Rachelose Gewalt” von Benedikt Franke

"Sie waren sich so nah und verstanden sich so gut, dass er nur wenig von seinen unterschwelligen Überzeugungskünsten einsetzen musste, um zum Zuge zu kommen … schon bald. Sie schien das perfekte Opfer zu sein, hatte sie sich ihm doch von selbst genähert und versichert, dass sie keinerlei Ansprüche stellen würde – hätte ihn das stutzig machen sollen?

Flammen schlagen aus seiner Haut. In dem Augenblick, bevor er glaubt, das Bewusstsein zu verlieren, fragt er sich, wie er eigentlich auf die absurde Idee gekommen ist, bei Tageslicht aus dem Haus zu gehen. Und als er es begreift, wirft er sich herum, um wieder in den Schatten zu gelangen, doch es ist zu spät. Während ihn jeder Sonnenstrahl einzeln durchdringt und er zu Asche zerfällt und er noch immer bei Bewusstsein ist.

Das Licht der Kerzen flackerte im Separee. Er war so kurz vor seinem Ziel der heutigen Nacht, so kurz davor … da erschienen Bilder in seinem Kopf. Bilder von saftig grünen Wiesen im Sonnenschein, von gleißendem Licht auf schneebedeckten Berghängen, von strahlendem Azur über warmem Asphalt. Und durch die Bilder hindurch drangen die Worte: »Es ist alles nur eine Legende, die Verbannung in die Nacht … Es war alles nur eine Lüge.«
Nachdem Wut und Hass gegen Unbekannt verebbt waren, blieb nur die Hoffnung übrig, die unerträgliche Hoffnung auf einen neuen Tag."

“Geben und Nehmen” von Cornelia Röser

"Ein sehr gutes Gehör allerdings hört noch etwas anderes. Ein sehr gutes Gehör wie meines. Ich kann mehr hören. Ich höre die kleine Maus, die in ein paar hundert Metern Entfernung in ihr Loch kriecht. Ich höre auch die beiden Krähen, die sich am anderen Ende des Parks in den Wipfeln einer stämmigen Eiche niederlassen, um dort die Nacht zu verbringen. Aber all das interessiert mich nicht. Ich konzentriere mich allein auf das Geräusch, auf das ich den ganzen Tag lang gewartet habe. Ausgeharrt habe ich, in einem der U-Bahn-Schächte habe ich gewartet, bis die Sonne tief genug gesunken war, sodass ich mich hinaustrauen konnte. Mit nach unten gerichtetem Blick bin ich durch das kleine Sträßchen gewandert, möglichst unauffällig, aber eigentlich hätte ich auch schreien können, denn die Menschen hätten mich nur als einen von ihnen wahrgenommen, und wahrscheinlich erinnern sie sich so und so nicht an mich – zumindest solange sie mir nicht in die Augen gesehen haben. Denn ab dem Moment, in dem sich unsere Blicke schneiden, können sie mich nicht mehr vergessen, nie mehr, bis zum Ende werden sie an mich denken, auch wenn es ihnen manchmal nicht wirklich bewusst ist, aber in ihren Träumen werden sie mich sehen. So war es bis jetzt immer, all die Jahre, die ich auf dieser Erde zugebracht habe, immer läuft es auf die gleiche Art und Weise ab. Die Menschen sind einfältige Wesen, ich kann mich nicht mehr erinnern, aber ich muss wohl auch einmal so gewesen sein, als ich noch menschlich war. Aber das ist viele Jahrhunderte her. Und ich muss sagen, ich vermisse es nicht. Oder besser: Ich habe es nie vermisst. Ich hatte es nicht vermisst, bevor ich das Geräusch, auf das ich den ganzen Tag gewartet habe, zum ersten Mal vernahm.
Denn da war es – das Geräusch, mein Geräusch. Für mich ist es ein ganz besonderes, persönliches Geräusch, denn ich denke nicht, dass irgendjemand diesem Geräusch jemals so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, wie ich es tue.
Das Geräusch ist ein Atmen."

“Leise Geräusche und viel Parfum” von Simone Holmer

"Ihre Tür schwang auf. Über dem Türrahmen hatte ich eine Knoblauchkette platziert, die sich sofort löste und dem Mann in Schwarz auf den Kopf plumpste.
»Was zum Teufel ist das?«, knurrte er und schob sie mit der Hand herunter.
Auf der Schwelle war ein feuchter Fleck. Weihwasser. Na gut, kein richtiges. Ich hatte es aus dem Spülbecken genommen und »Müde bin ich, geh zur Ruh« darüber gesprochen.
»Dragon? Vlad?« Er drehte sich zu den Kindern um, die unschuldig dreinsahen. Offensichtlich war er einiges von ihnen gewöhnt, denn seine Miene blieb angespannt.
Sehr vorsichtig und argwöhnisch trat er auf den Flur. Jetzt kam Teil drei meines Plans. Mit einem irren Schrei stürmte ich aus meiner Deckung und schwang einen angespitzten Pfahl, den ich ihm ins Herz rammen wollte. Leider war ich zu klein. Ich kam nicht ran."

“Vampire im Waldschlösschen” von Susanne Haberland

"Dann stand sie vor dem Haus ihrer Großmutter und blickte in Richtung des Schuppens. Am Himmel zogen schwarze Wolken so schnell vorbei, wie sie es sonst nur von den Zeitrafferaufnahmen einiger Naturdokumentationen im Fernsehen kannte. Der Schuppen atmete wieder, obwohl Katie keinen Windhauch spürte. Die Schatten der Wolken glitten über ihn hinweg wie gigantische Fledermäuse. Sie wollte ins Haus gehen, doch ihre Füße trugen sie, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, immer weiter dem Schuppen entgegen. Sie begann zu weinen. Etwas war dort. Etwas, das die Kinder aus dem Keller kannten, das nachts auf den Dachböden umherschlich, das unter Betten lauerte und wartete, bis ein Fuß unter der Decke hervorrutschte, damit es ihn greifen und fressen konnte. Das Ding aus dem Schrank, der schwarze Mann. Mit Entsetzen erkannte Katie, dass der Schuppen von innen her leuchtete. Es war das gleiche ekelhafte Licht wie im Laderaum des Frachters. Auch der Gestank war wieder da. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und schlug damit auf ihre Beine ein. Sie wollte stehen bleiben, doch es war zwecklos. Von irgendwoher hörte sie die Stimme ihrer Großmutter, sie klang schwach und wurde immer wieder von Hustenanfällen unterbrochen: »Geh … niemals … in … den … Schuppen … geh … niemals …«
Dann stand Katie vor einem der Schuppenfenster. Die Bretter, die davorgenagelt waren, erhoben sich wie das Lid eines grässlichen Auges. Sie blickte hinein und schrie, als etwas aus dem Schuppen nach ihr griff. Eine blasse, ausgemergelte Gestalt."

“Sturmflut” von Johannes Harstick

"»Ich dachte an ein Essen. Bei mir. Was sagst du zu acht Uhr?«
»Fabelhaft. Ich werde da sein.« Sie beendete das Gespräch.
Es war nicht leicht, einen Zwilling an sich zu binden, doch sie hatte es durch Erfahrung bewerkstelligt. Die erneute Farce eines Abendessens also, dieses Mal höchstwahrscheinlich mit außergewöhnlichen, exotischen Gerichten.
Emilie seufzte, doch dann schlich sich ein Ausdruck des Triumphes in ihr Gesicht. Vorsichtig stieg sie über Thomas’ leblosen Körper. Sie würde sich später um ihn kümmern. Zunächst musste sie die Garderobe für den morgigen Abend planen. Ein Strumpfband würde auf alle Fälle dazugehören – Zwillingsgeborene hatten sich schon immer als fantasievoll erwiesen, und sie alle hatten ein Faible für Strumpfbänder besessen."

“Zwillingsblut” von Stefanie Lasthaus

"Bücher. Sie waren es, die sie so stark gemacht hatten. Das geschriebene Wort gab ihr Trost und Hoffnung. Die beschriebenen Seiten schafften Vertrauen. Das Wissen, das sie vermittelten, hatten sie auf die Idee gebracht, wieder zur Schule zu gehen. Sie hatte ihr Abitur mit Bestnoten bestanden. Die Welt stand ihr offen, und da sie die Macht der Bücher am eigenen Leib erfahren hatte, war sie wild entschlossen, diese Macht zum Wohle der Menschheit zu nutzen. Denn nur den Büchern hatte sie es zu verdanken, dass sie bis jetzt nur ein einziges Menschenleben ausgelöscht hatte, obwohl dieses Leben schon eines zu viel war. Worte konnten Menschen verändern, sie manipulieren und zu Taten bringen, die sie unter anderen Umständen nie getan hätten. Deshalb wollte Minna Journalistin werden."

“Vampirliebe” von Sarah-Maria Hartmann

"Ich will hier also berichten von jenen seltsamen Ereignissen, die sich im brütend heißen Sommer 1764 zugetragen haben. Wenn ich auch nur einen Teil des Geschehens selbst miterlebt habe, so bin ich vermutlich doch derjenige, der diese Geschichte am vollständigsten erzählen kann. Dazu sei noch gesagt, dass ich ein angesehener Advokat aus Verona bin, wie Sie als Landsmann ohne Zweifel aus meiner Unterschrift am Ende dieses Berichtes bestätigt finden werden.
Aber in der Tat ist dies nur zuallerletzt meine Geschichte. Es ist vor allem die Geschichte eines Vaters und seiner wunderschönen Tochter. Es ist eine Geschichte einer Schuld, die beglichen werden muss, ganz gleich, wie grausig der Preis sein mag."

“Die Schuld des Don Vincenzo Giamatti” von Martin Beckmann