"Diese Paranoia war mit dem Erscheinen des zweiten mysteriösen Briefes geboren worden. So kalt, wie mich der erste Brief gelassen hatte, so heiß wurde mir bei dem Gedanken an den zweiten. Zuerst war die Angst vor dem dritten Brief nur ein Gedanke, doch irgendwann war sie zu meinem realen Lebensinhalt, zu meinem ständigen Begleiter geworden. Doch es kam kein Brief mehr. Für lange Zeit wartete ich angespannt darauf, wieder von Liza Hasser zu hören. Innerlich zerbröckelte ich langsam. Von außen gab es dafür lange keinen Grund, denn über ein Jahr lang geschah nichts.
Als der dritte Brief mich schließlich doch noch erreichte, war ich ein nervliches Wrack."

“Neben dem Verstand” von Linnea Schneider

"Ein Wind fuhr durch den Friedhof und riss ihm die glatte Keramik aus den Händen – als zur gleichen Zeit das neue Jahr anbrach. Das, was von Philomena Schwänlein übrig war, explodierte in einer grauen Ascheblüte. Die knorrigen Äste bogen sich unter dem heraufziehenden Wintersturm wie die Beine einer Spinne und zogen gleichsam schmatzendes Getier aus der Erde. Enoch hörte es flattern, stöhnen und weinen. Wie Milch breitete sich die Asche vor seinen Füßen aus, doch war es nicht der Wind, der diese bewegte. Die Asche kroch von dannen, ohne dass der Sturm sie berührte. Sie zog sich zu ihm hin, entgegen der Windrichtung.
Ein prasselnder Regen setzte ein und durchweichte die faule Erde des Friedhofs.
Ihm stockte das Herz."

“Wer Asche hütet, den hat sein Herz getäuscht” von Lea Daxelmüller

"Cupid betrachtete sich eindringlicher im Spiegel. Er sah krank aus, er sah älter aus. Er sah genau nach dem aus, was er war. Ein Mann im Sterben, ein Mann in der Wiedergeburt.
»Der Lethe strömt durch dich, Cupid. Sein Pegel steigt, seine Fluten reißen die dunklen Ufer fort. Lass los, Cupid, lass dich treiben.« Eine Flüsterstimme hinter dem Spiegel.
Das Röcheln in Cupids Brust kündigte den Hustenanfall an. Sein ausgezehrter Körper wurde schwer durchgeschüttelt, aber der Husten wollte einfach nicht aufhören. Cupid presste einen Schrei raus, schloss seine Hände zu festen Fäusten, starrte entschlossen in die eigenen Augen und suchte in ihnen die Qual in seinem Innern."

“Die Wasser des Lethe” von Christian Künne

"Als er so daliegt und sich nicht rührt, sehe ich zum ersten Mal in sein Gesicht. Im Schein der Lampe erkenne ich, dass er es gar nicht ist. Es ist ein anderer, der mich mit starren Augen ansieht, dessen toter Blick sich auf mich heftet! Ein anderer! Ein anderer! So schreit es unaufhörlich in mir. Ohne Gnade. So lange, dass ich schier verrückt davon werde. Doch allmählich begreife ich. Es ist nicht schwer zu verstehen. Er ist es nun, der mich aus dem Weg haben möchte. Er selbst ist es, der sich nun mit Mordplänen trägt!"

“Tod in den Dünen” von Peter Stohl

"Die zerkratzten und blutigen Finger streckte er nach dem zierlichen Wesen aus, umfasste den etwas zu groß wirkenden Kopf mit der einen und den übrigen Körper mit der anderen Hand. Das einsetzende Schreien nahm er gar nicht wahr, als er das Kind emporhob, es dabei weiter anblickte. Dies war sein Ziel, die Belohnung für die Mühen der Heimkehr. Klein. Mollig. Pausbäckig. Und kreischend.
Die Wärme der väterlichen Liebe, von der so viele gesprochen hatten, empfand er nicht. Da war keine Freude, keine Erkenntnis, dass seine Frau dringend Hilfe brauchte, keine Erlösung. Das Bedürfnis war noch nicht gestillt, der Drang nicht befriedigt. Obgleich er mittlerweile das Haus erreicht hatte, sein Kind im Arm hielt, wollte er noch immer heim!"

“Drang” von Katrin Wilke

"Garrets Hand führt den Pinsel schnell und sicher. Die Farben mischt er direkt auf der Leinwand an. Doch von alledem bemerkt Garret nichts, da er tief in Trance versunken ist.
Als Garret wieder auftaucht, ist das Gemälde vollendet. Es ist das Bildnis einer wunderschönen Frau mit warmbraunen Augen. Ihre Haare sind am Hinterkopf zusammengebunden, fließen auf ihre schmalen Schultern und umrahmen ihren schlanken Hals. Doch genau am Hals klafft eine tiefrote Wunde. Rot! Er hat es doch im Schrank verschlossen! Garret schaut verwirrt in den Farbkasten und durchsucht aufgeregt die Farbtuben. Er kann kein Rot entdecken. Dann sieht er, wie ein feiner Blutstropfen an seiner Hand herunterläuft. Er dreht den Arm und entdeckt entsetzt eine oberflächliche Schnittwunde an seinem Handgelenk. Dann erblickt er die blutverschmierte Klinge von seinem Rasierer aus dem Badezimmer. Er hat mit seinem eigenen Blut gemalt!"

“FremdARTig” von Heike Ebelt

"Beim dritten Tritt greife ich reflexartig nach meinem Bauch. Doch schreckt meine Hand nur Sekundenbruchteile später wieder von ihm zurück, als der Ekel zurückkehrt. Warum quälst du mich so? Willst du mich dafür bestrafen, dass ich dich so sehr verabscheue? Ich stehe bereits vor dem nächsten Zusammenbruch. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Vor meinem inneren Auge taucht ein weiteres Mal deine scheußliche gestohlene Fratze auf, die jetzt höhnisch lacht. Sie lacht über mich. Über meine Qual. Ich halte es kaum aus, atme schwerfällig, als ich mit beiden Händen Halt suche an der Arbeitsplatte der Küchenzeile. Dabei fällt mein Blick vorbeischweifend auf den Messerblock ganz rechts in der Ecke. Und mir ist, als würde das große Küchenmesser darin geradezu strahlend hervorstechen …"

“Fassade der Schändung” von Sarah Steinger

"Ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, zu spät in die Spätschicht zu kommen. Ich hetze an meinen Platz, ignoriere Webers tadelnden Blick. Der wirkt sowieso nur halb. Webers Nase und sein linkes Auge sind dick geschwollen und blau angelaufen.
An meinem Platz werde ich von Addi blöd angegrinst. Addi heißt der Typ. Von Adolf. Echt. Er tippt mich an. »Gab’s Currywurst?«
Ich guck auf die angetippte Stelle, frag mich wieder, was zur Hölle mit mir los ist.
Ich … Scheiße.
Ich erinner mich nicht.
Ich erinner mich nicht an meinen Morgen. Daran, was ich gegessen habe. Wo dieser Hund hin ist. Und wo er her ist.
Das Letzte, was ich weiß, ist: Der Köter ist neben mir aus dem Haus gegangen. Dann wird alles grau. Nur der kleine Fleck auf meinem Arbeitskittel bleibt rotbraun und ein bisschen hart, wenn man drangreift."

“Den Letzten beißen die Hunde” von Kim Luominen & Lina Nacht

"»Ich verbanne dich aus dieser Welt, Dämon, und verlange im Namen Gottes –«
Weiter kam er nicht. Er kam nie weiter. Die Kreatur stieß ein Kreischen aus, das der Todesschrei des armen Geschöpfes sein musste, das es beherrschte, und warf sich dann nach vorne. Aber diesmal war er vorbereitet und stieß sich zur Seite ab, ließ sich fallen, und in jenem Augenblick, in dem sie auf einer Höhe waren, drückte er ab und spürte den Rückstoß seiner Waffe im Schultergelenk als stechenden Schmerz. Den Augenblick eines Herzschlags lang sahen sie sich an – der Mann mit dem fleckigen Dreitagebart und die schwarzen, in dämonischer Verwunderung aufgerissenen Augen der Kreatur.
›Du hast es‹, schnitt ein Gedanke wie ein Befehl durch seinen Geist und ließ keinen Raum mehr für Zweifel oder Angst. Die Kreatur brach nach vorne, stolperte über die eigenen langen Gliedmaßen, über die eigenen Beine und riss das stinkende Fleisch von den Knochen.
›Kutscher, sei vorsichtig‹, war der nächste Gedanke, der ihn durchfuhr, und die Fremdheit in seinem Kopf wurde so viel, dass er sich vornüberbeugen und kotzen wollte. Wie er das hasste. Die braunen Augen waren nur noch schmale, wachsame Schlitze, mit denen er das Geschöpf betrachtete, aufmerksam auf jede verräterische Bewegung achtend. Aber die Kreatur keuchte und stöhnte nur, wieherte laut und tief, und im gleichen Moment nahmen die Ohren des Kutschers eine Dissonanz wahr, die in seinem Kopf nachhallte, als wäre er eine Glocke. Er hasste diesen Teil. Hasste ihn.
»Nimm mich«, flüsterte die Dissonanz, und mit jedem Schritt, den er auf die zerbrochene Kreatur zuging, veränderte die Stimme Tonlage und Resonanz, als wäre sie nur ein Instrument, das beliebig ausgetauscht werden konnte."

“Der Kutscher” von Bianca Mödersheim

"Meine Fragen standen noch immer unter den Symbolen. Doch darunter hatte jemand in akkuraten Buchstaben geschrieben:
»Mein Name. Ich. Was bist du?«
Damit hatte ich Gewissheit: Ich war nicht alleine, und wer immer der andere war, er schien mich nicht als Bedrohung zu sehen, sondern war neugierig. Einzig die Frage »Was bist du?« war irritierend. Davon abgesehen hatten wir offensichtlich eine Möglichkeit gefunden, miteinander zu sprechen, was meinen Aufenthalt erträglicher machte.
Da ich seinen Namen nicht aussprechen konnte, selbst als er versuchte ihn in lateinischen Buchstaben zu schreiben, gab er schließlich auf und nannte er mir einen anderen Namen:
»Araziel.«
Noch nie in meinem Leben hatte ich mir so sehr gewünscht, im Internet surfen zu können. Es klang nach einem Namen aus einem Onlinerollenspiel. Mit der Zeit fand ich heraus, dass er schon sehr lange an diesem Ort war und ihn als »Zwischenwelt« bezeichnete. Er erklärte, dass ich es mir vorstellen müsse, als wären ich und die Realität ein Stück verschoben. Diese Welt veränderte sich, wenn sich die Realität veränderte. Zeitlich versetzt und manchmal früher oder später. Zerstörte man etwas in einer Welt, dann betraf es auch die andere, jedoch wiederum zeitlich verschoben, sodass man nie sicher sein konnte, wo die Veränderung zuerst eingetreten war.
»Die Dinge geschehen niemals zweimal auf die gleiche Weise«, betonte er dabei immer wieder. »Wenn du hier einen Stein in ein Fenster wirfst, dann wird es auf der anderen Seite möglicherweise durch ein umstürzendes Fahrrad zerbrechen, aber nicht durch einen Stein.«
Geduldig beantwortete er meine Fragen und erkundigte sich im Gegenzug nach den seltsamsten Dingen. Zum Beispiel, wie es sich anhört, wenn Schnee fällt. Wie es ist, einen Sonnenbrand zu bekommen oder wie kalt Erdbeereis schmeckt. Auf den ersten Blick Banalitäten, doch je länger ich mich in dieser Zwischenwelt befand, desto besser verstand ich ihn.
Es waren nicht nur der Geruch und das Licht, die gedämpft waren, es betraf alles: Töne, Geschmack und Empfindungen wie Schmerz, Kälte oder Wärme.
Einer Frage wich Araziel jedoch unablässig aus: Wer oder besser was er war."

“Jenseits des Fensters” von N. C. Shepard