"Doch hatte er weder Freunde noch Verwandte, und seine Gefährten waren bereits den Weg gegangen, der allem Vergänglichen bevorsteht. Nichts hielt ihn auf Erden; nur sein Vergnügen an den Sternen hatte ihn so lange Zeit überleben lassen. Wie zum Abschied blickte er nach oben zu seinen treuesten Verbündeten. Doch die Wolken verbargen ihr seelenloses Antlitz, verweigerten ihm das kalte und doch Trost spendende Licht, so geduldig er auch wartete.
Schließlich atmete er tief durch, nahm seinen Mut zusammen und sprang mit offenen Augen in die Tiefe."

“Kalt glimmen die Sterne” von Meara Finnegan

"So sehr Zeiten sich wandelten, die menschliche Natur blieb unverändert. Und die Dinge, die Menschen erschufen, konnten sich nicht über ihren Geist erheben.
Stillstand, Entwicklung, Aufschwung, Höhepunkt – Vernichtung, Stillstand …
Es war ein natürlicher Kreislauf, gleich dem von Geburt, Altern, Tod; ein immerwährender Kreis, dem die Welt nicht entrinnen konnte.
Und er war mit den Sterblichen in ihm gefangen.
[…]
Unsagbar tiefe Müdigkeit erfasste ihn; als er in der Ferne die Menschenmassen beobachtete, die so anders waren als in seiner Jugend, und doch so gleich, verspürte er zum ersten Mal den Wunsch, diesen Zyklus zu durchbrechen."

“Kalt glimmen die Sterne” von Meara Finnegan

"Nun gut! Ihr bereut eure Frage, gewiss, doch der Dämon vermag in der ersten Nacht nur eure Schwelle zu überschreiten, wenn eure bangen Herzen ihn eingeladen haben. Das habt ihr getan – und jetzt werdet ihr tanzen, nach dem Takt, den allein der Dämon schlägt, also lauscht! Hört, wie sie kamen in unsere Welt, die Schatten, die nach eurem Leben gieren, verfolgt sie bis in die schwindelnden Abgründe der Furcht hinein, der Gier und der Schuld, die sie gebaren in der Stunde der tiefsten Verzweiflung der Menschheit …!"

“Im Schatten des Kreuzes” von Hans Jürgen Hetterling

"Wenig später saß ich auf einer Mülltonne in einer Seitenstraße, mit seiner Jacke, die die Kälte von mir abhielt und mir bei jeder Bewegung Herbstluft in die Nase trieb, obwohl es Frühling war. Fast ein wenig benommen fragte ich mich, ob der Duft von Laub und Erde wohl noch stärker wäre, wenn man ihn umarmte.
Meine eigenartigen Gedanken wurden von seiner, Niks – wir hatten uns inzwischen zu einer Vorstellung durchgerungen – Stimme unterbrochen.
»Mayah also … Und du glaubst, nichts mehr zu verlieren zu haben?«"

“Abschied” von Ivyane Jacob

"Und dieses Jahr geschah etwas Wunderbares.
Juliet verliebte sich.
Der junge Mann betrat die U-Bahn immer um die gleiche Zeit, immer in Vermont, und jedes Mal lächelte er ihr zu.
Juliet spielte nur noch für ihn. Sie wusste instinktiv, dass die Melodie nach seinem Herzen griff und dass die Gänsehaut auf seinen Armen mehr war als ein Zeichen der Rührung. Juliets Flöte saugte die Wärme wie ein Magnet aus seinem Körper. Doch die Musikerin konnte nicht anders."

“Juliets Lied” von Rebekka Pax

"Ein paar Minuten später stand Marek im Badezimmer und spülte sich am laufenden Wasser die Paste aus dem Mund.
Er hatte beim Zähneputzen daran gedacht, wie angenehm schmerzlos dieses grelle Neonlicht im Wandschränkchen war, und die ganze Zeit in den Spiegel geblickt, ohne zu bemerken, dass er sich nicht in die Augen sah. Dass alles, was er die ganze Zeit sah, nur die Wand hinter ihm war."

“Untot in Tannheim” von Benedikt Franke

"»Nichts ist für die Ewigkeit.«
»Wieso?«
Sie hatte geseufzt.
»Ohne den sauren Geschmack des Todes wäre das Leben nicht süß, ohne die Bedrohung der Vergänglichkeit wäre das Schöne nicht schön. Die Aussicht auf den Tod macht das Leben erst lebenswert.«
»Aber ich will nicht sterben.«
Er war so unschuldig gewesen …
»Ich weiß, ich will auch nicht sterben.«
Und dann hatten sie sich geküsst."

“Vergänglichkeit” von Nadine Stellert

"»Nein, Mama, ich will bei dir sein.«
Ihr Vertrauen, ihre bedingungslose Liebe zu einem Wesen wie mir schmerzt. »Ich bin gefährlich!«, schreie ich verzweifelt. »Ich töte Menschen, ich habe keine Seele! Aber ich will dich nicht beißen, verstehst du, dafür liebe ich dich doch viel zu sehr!«
Für einen Moment sieht Sophia mich einfach nur mit völliger Ruhe an. »Dann hast du eine Seele«, sagt sie schlicht.
Daraufhin dreht sie sich um und lässt mich allein vor meiner Schlafzimmertür stehen."

“Seelenblut” von Sanjina Kashikar

"Er fühlte sich so vertraut an. Obwohl er ihr einen Mord gestanden hatte und sie eigentlich in Panik die Flucht ergreifen sollte, wollte sie bleiben und ihm nahe sein. Sanft legte sie eine Hand auf seinen Arm. »Nichts, was du mir zeigst, könnte mir Angst machen.«
Seine Zähne wurden länger bei ihren Worten. So vertraut war er seit Jahrhunderten mit keinem Geschöpf mehr gewesen. Er hatte es vermieden, Nähe zu suchen. Seine Bestimmung lag in der Einsamkeit."

“Mein Leben für deins” von Gaby Rauch

"Die Menschen hatten viele Begriffe für das, was sie waren. Und sicherlich hatten sie mit vielen dieser Ausdrücke recht. Sie waren Blutsauger und Monster, und sie mussten töten, um zu überleben. Aber die Menschen übersahen, dass sie nicht tot sein konnten – denn wären sie es, wäre es Bertrand sicherlich nicht so schwer gefallen, im Laufe seines Daseins so viele seiner Brüder und Schwestern fallen zu sehen."

“Eine Nacht” von Daniela Perndl